MAREN RICHTER
MAREN RICHTER
MAREN RICHTER

„Aber ich habe mich nicht entmutigen lassen!“

Die Wiederentdeckung einer starken Frau des 20. Jahrhunderts: Maren Richter forscht zum Leben von Maria Daelen (1903-1993)

Abstract:

Maria Daelen was an emancipated woman, a doctor in the resistance and a successful health politician on the international stage. She captivated people with her personality. With her lover, the Swiss writer Annemarie Schwarzenbach, she celebrated the 1920s and 1930s in Berlin. She lived in her Saarow house in the middle of the actors’ and artists’ colony Meckerndorf in the 1930s and 1940s together with her long-time life partner Wilhelm Furtwängler. She celebrated summer nights at Lake Scharmützel with her friends around Käthe Dorsch. As an active doctor in the resistance against the National Socialist regime, she received members of the “20th July Resistance” here or even hid persecuted artists there. After 1945, she was one of the few women in the Federal Ministry of the Interior in the 1950s and 1960s and, as a delegate to the Council of Europe and the WHO, led the Germans back into international health policy. She began a successful career as a health politician on the international stage of the WHO. Maria Daelen maintained intensive relationships with Gabriele Henkel, Fabian von Schlabrendorff or Carlo Schmid.

„So schön, So geistreich“

Als eine der wenigen Frauen im Bundesinnenministerium der 1950er und 1960er Jahren fiel Maria Daelen gleich ins Auge: Maren Richter entdeckte die große Unbekannte im Rahmen ihrer historischen Forschungsarbeit zum Bundesinnenministerium und entblätterte das beeindruckende und facettenreiche Leben einer emanzipierten und starken Frau des 20. Jahrhunderts. Sie recherchierte in umfangreichen Nachlasssplittern und Archiven und sprach mit Familienangehörigen und Freunden. Fasziniert von dem Leben dieser unbekannten Frau, verfasste sie eine Biografie über Maria Daelen, die 2019 im Wallstein Verlag erschien (Wallstein Verlag).

In Düsseldorf im Jahr 1903 geboren wächst Maria Daelen mit ihren Geschwistern bei ihrem Vater, Felix Daelen, auf. Ihre Mutter, Katharina van Endert, spätere von Kardorff-Oheimb, verließ ihren Ehemann Felix und damit zwangsläufig auch ihre Kinder als Maria zwei Jahre alt ist. Ihre Kindheit ist von der Abwesenheit der Mutter geprägt. Gleichzeitig ist ihr die Mutter – eine der ersten weiblichen Abgeordneten des Reichstags – ihr Leben lang ein wichtiges Vorbild.

© Privatarchiv Brüggemann
© Privatarchiv Hanser-Strecker

Maria Daelen entscheidet sich in den 1920er Jahren für das Studium der Medizin und beginnt die Facharztausbildung als Chirurgin – zu einer Zeit, als Studentinnen von männlichen Lehrkräften im Hörsaal noch ungern gesehen sind und die Chirurgie als explizit männliche Profession definiert ist. Als junge Ärztin lässt sie sich 1931 im mondänen Frauenmagazin »Die Dame« ablichten, das für ein fortschrittliches und emanzipiertes Frauenbild steht.

Die 1920er und 1930er Jahre erlebt Maria Daelen im Berlin der jungen Weimarer Republik. Sie emanzipiert sich von alten Rollenbildern des Kaiserreichs und ergreift neue Freiheiten. Sie gehört zur Bewegung der »Neuen Frau«: sie ist unabhängig, berufstätig und finanziell abgesichert und zeigt sich im Garçonne-Look: Androgyn, schlank und sportlich, rauchend, mit kurzen Haaren rauscht sie in ihrem roten Ford Cabriolet durch die pulsierende Metropole.

Liebe und Sexualität lebt Maria Daelen frei von Konventionen aus. Auch in ihrem Freundeskreis um Annemarie Schwarzenbach, Marianne Breslauer und Erika Mann – Freundinnen wie Geliebte – verschwimmen die Geschlechtergrenzen. Liebschaften sind in mehrere Richtungen möglich. Eine besondere Liebe verbindet Maria Daelen mit dem Stardirigenten Wilhelm Furtwängler, mit dem sie eine langjährige Beziehung führt. Die Partnerschaft zerbricht, als Furtwängler ihre jüngere Halbschwester ehelicht.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, lehnt Maria Daelen das neue Regime von Anfang an ab und engagiert sich gegen das Regime. Bei der Gestapo ist sie seit 1933 als spionageverdächtig gemeldet. Nachdem sie ihre Privatwohnung und ihre Praxis während der Bombennächte in Berlin verliert und ihr die Verhaftung durch die Gestapo droht, flüchtet sie Anfang 1945 nach Süden.

1945 ist für Maria Daelen ein Neuanfang. Nachdem sie als Ärztin zunächst das UNRRA-Camp in Dillingen an der Donau und das Internierungslager im Landkreis Garmisch-Partenkirchen betreut hat, tritt sie im März 1946 in das hessische Innenministerium ein. 1953 wird sie ins Bonner Innenministerium geholt und übernimmt das neu gegründete Referat »Internationales Gesundheitswesen«. Als Verbindungsfrau der Bundesregierung für die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Westeuropäische Union und den Europarat hält sie die Fäden der westdeutschen Integration der jungen Bundesrepublik im internationalen Gesundheitswesen fest in der Hand. Nach Jahren der nationalsozialistischen Isolation trägt sie so tastend dazu bei, ihr Land in die internationale Gemeinschaft zurückzuführen. Auf dem internationalen Parkett sind Frauen in den 1950er Jahren, wenige Jahre nach Gründung der WHO, noch kaum präsent. Als neue weibliche Delegierte der Bundesrepublik fällt Maria Daelen sofort auf und macht Eindruck: Ihre fachlichen Kenntnisse überzeugen und ihr Charme zieht die Männerwelt der internationalen Community in den Bann.

Während der Vollversammlung der WHO, 1960 (© Privatarchiv Brüggemann)

„Die Anerkennung meiner Arbeit kommt langsam“

Maria Daelen schreibt an ihre Mutter, 1959

Ihr Leben lang bleibt Maria Daelen unabhängig und selbstbestimmt. Gründe zur Resignation, privat wie beruflich, hätte es genügend gegeben. „Die Anerkennung meiner Arbeit kommt langsam“, schreibt sie 1959 an ihre Mutter,

„aber ich habe mich nicht entmutigen lassen“.

Am 5. Oktober 1993 stirbt Maria Daelen, 90 Jahre alt, in ihrem Haus in Georgenborn.

Als Vorsitzende des Committee of Experts on Public Health, 1962 (© Privatarchiv Brüggemann)
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